INSYDE = Interdisciplinary Self-System Design = Interdisziplinäre System-Bildung ist ein multinationaler, interkultureller und interdisziplinärer Forschungs- und Entwicklungsverbund, der seit 2002 in Deutschland auch als eingetragener Verein (e.V.) registriert ist. Gegründet wurde er auf Initiative von PD Dr. Wilhelm Walgenbach im Jahr 1989 zusammen mit wissenschaftlichen Mitarbeitern  des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften IPN, einem interdisziplinärem Forschungs-Institut an der Universität Kiel, sowie Künstlern und Wissenschaftlern brasilianischer Universitäten unter der Leitung von Prof. Dr. Ivone und Frederico Richter UFSM und Prof. Dr. Cleusa Peralta Castell FURG. In der Folgezeit beteiligten sich weitere Wissenschaftler und Künstler aus Europa und Lateinamerika an den Aktivitäten, die u.a. vom GRUNDTVIG-Programm der EU, der UNESCO, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD und den brasilianischen Forschungsorganisationen CAPES und CNPq gefördert und mehrfach national und international ausgezeichnet wurden. Die Arbeiten beziehen sich auf alle Ebenen von Bildungssystemen: Universitäten, Kunst-Hochschulen und -Akademien, Museen,    Kulturinitiativen und alle Arten von  schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen.

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>Wie lässt sich in bestimmten sozialen Kontexten Selbsttätigkeit - verstanden als ein zuerst einmal nur theoretisches, auf die Bildung der eigenen, immer einmaligen Persönlichkeit und damit auf die Erzeugung von Neuem gerichtetes Konstrukt - zu einer sowohl ideell wie materiell ausgerichteten systembildenden Tätigkeit entwickeln?<. 

 

Diese zentrale Forschungsfrage von INSYDE wird auf der Grundlage einer Synthetisierung von (1) klassischer Bildungstheorie (Wilhelm von HUMBOLDT, PESTALOZZI, FROEBEL usw.), (2) einer vor allem als Theorie unterer Erkenntnisvermögen verstandenen Ästhetik (BAUMGARTEN, KANT), (3) der kulturhistorischen Tätigkeitstheorie (HEGEL, MARX, VYGOTSKY, LEONTJEV, ENGESTRÖM usw.) sowie (4) modernen dynamischen Systemtheorien (HAKEN, JANTSCH, PRIGOGINE, MATURANA/VARELA usw.) bearbeitet.

 

Integrierendes Mittel  für diese nicht einfach eklektizistisch-additive Synthetisierung ist eine in ihrer Komplexität noch über moderne Logiken wie die Fuzzy Logik  hinausgehende  Inhaltliche Logik. Diese operiert einerseits mit ideellen Mitteln in Form komplementärer, miteinander wechselwirkender Kategorien wie Teil/Ganzes, Ordnung/Chaos, Selbstentwicklung ( Autopoiese)/Entwickelt werden (Allopoiese). Andererseits werden diese materiell-inhaltlich bestimmt (und nicht nur formal wie etwa in der klassischen traditionellen Logik), indem sie in Wechselwirkung mit epistem(olog)ischen Objekten gebracht werden, die grundlegende Dimensionen menschlicher Tätigkeit (oder im Anschluss an HEGEL und MARX: >Arbeit<) historisch und systematisch erforschbar machen.

 

Damit wird ein Lösungsansatz möglich, der auf die Entwicklung heuristischer Mittel = Mittel zur Erzeugung von Neuem ausgerichtet ist und sich auf historische und systematische Rekonstruktionen von Systembildungen in Kunst, Wissenschaft und Technologie stützt. Die ideellen Mittel in Form komplementärer Kategorien und die dazu in Beziehung gesetzten materiellen Mittel in Form epistem(olog)ischer Objekte werden dabei in ihrer Einheit als Epistemilogisches Heurem bestimmt. Dieses wird als elementares heuristisches Mittel mit der Funktion einer „Keimzelle“ genutzt, um durch Entfaltung mit  epistemologischen Heuristiken komplexe intra-disziplinäre sowie inter- und transdisziplinäre Systeme zu bilden . (s. dazu unten die Paradigmatischen Beispiele)

 

Die Reflexion solcher Systembildungen führt zu System-Bildung, die sich auf  die Konstruktion von Wissen über Wissen und letztlich auf die Konstruktion von Wissen über sich selbst als Konstrukteur von Wissen gründet. Im Gegensatz zum Ansatz einer scientific literacy = wissenschaftliche Grundbildung, wie er internationalen Leistungsvergleichen wie PISA, TIMMS oder IGLU zugrunde liegt, geht es nicht nur um die Aneignung vorliegenden gesellschaftlichen Wissens, sondern um die Konstruktion heuristischer Mittel, die einerseits hochabstrakt sind und in quasi homöopathischer Dosierung gesellschaftliche Tradition sichern, andererseits aber Suchräume für die Erzeugung von Neuem öffnen.

 

Diese Zielsetzung, die letztlich auf die historische und systematische Bestimmung der eigenen materiellen und ideellen Mittel zur Gestaltung der Welt und des eigenen Selbst gerichtet ist, wird im INSYDE-Ansatz programmatisch mit der Idee >Jeder ein Forscher < zum Ausdruck gebracht. Formuliert ist sie als   Verallgemeinerung des künstlerischen Programms >Jeder Mensch ist ein Künstler (im Kontext der Bildung einer Sozialen Skulptur)< von Joseph BEUYS und des wissenschaftlichen Programms >Jeder Mensch ein Wissenschaftler seiner eigenen Persönlichkeit< von G.A. KELLY, dem Begründer der >Theorie Persönlicher Konstrukte<

 

Entwickelt wird der INSYDE-Ansatz anhand paradigmatischer Beispiele, die in Form Epistemologischer Experimente erforscht und dann in den unterschiedlichsten Bereichen von Bildungssystemen eingesetzt werden. mehr

 

Ein Paradigmatisches Beispiel von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des INSYDE-Ansatzes ist das 1987 begonnene Epistemologische Experiment >Die Wirbelstrasse – Umgang mit einem sensiblen System im Kräftefeld von Ordnung und Chaos<. Die >Wirbelstrasse<, ein sich in Flüssigkeiten hinter einem Hindernis bildendes dynamisches System von einander ähnlichen Spiralen bei schrittweise zunehmender Größe („Selbstähnlichkeit“), wird sowohl in Ansätzen zu einer >Sanften Phänomenologie< (Theodor SCHWENK, Hugo KÜKELHAUS, Hans JENNY, ATELIER DREISEITL usw.) wie auch in modernen Ansätzen zur Theorie Dynamischer Systeme (einschließlich der Chaosforschung und der Fraktalen Geometrie) als ein epistem(olog)isches Objekt erforscht, das im Sinne von GOETHEs >Urphänomen< ein „Fall ist, der tausend in sich enthält“. Es ist insofern ein Grenzphänomen ist, als es sich quasi in der Mitte zwischen der Ordnung laminarer Strömungen und dem Chaos von Turbulenzen bewegt und im Experiment (bei Einhaltung bestimmter Reynoldszahlen) reproduzierbar ist. Bei einer eigenhändigen Erzeugung einer Wirbelstrasse durch Hindurchführen eines Hindernisses (etwa in der Form eines runden Stabes) macht man die existentielle Erfahrung, dass man sowohl das Flüssige bestimmen kann (Freiheit bei Systembildungen), aber auch gleichzeitig immer vom Flüssigen bestimmt wird (Determination bei Systembildungen).

 

Die Forschungsarbeiten zur Wirbelstrasse als epistemologisches Heurem führten zur Herausbildung eines sechsstufigen heuristischen Modells für intra-, inter- und transdisziplinäre Systembildungen: (1) Homologiebildungen mit Gestalten: Ausgangspunkt ist die Erzeugung der Gestalt eines Phänomens wie die Wirbelstrasse als Einheit von Inhalt (Flüssigkeit) und Form (Wirbelstrasse), die dann Homologiebildungen zur Erzeugung von Neuem durch Suche nach gleichen und ähnlichen Gestalten ermöglicht. (2) Analogiebildungen mit Formen: Zu einer Verringerung der inhaltlichen Determiniertheit durch gegebenen Phänomene führt die Trennung von Inhalt (Flüssigkeit) und Form (Wirbel) und die Nutzung gewonnener Formen für Analogiebildungen (etwa: A  gleicht B) als Erklärung von unbekannten neuen Inhalten mit bekannten Formen. (3) Strukturbildungen mit Elementen und Relationen: Die Determiniertheit durch gegebene Formen ist überwindbar, wenn man das atomistische, für bisherige Naturwissenschaften zentrale Konstrukt >Teilchen/Element< einführt und zu Metaphernbildungen nutzt wie etwa „Die Wirbelstrasse ist ein Strom von Teilchen“ (A ist B). Man kann dann das Verhalten von Teilchen erforschen und gegebene und/oder mögliche Beziehungen zwischen diesen Elementen in Form von Strukturen abbilden.

 

(4) Syntaktische Systembildungen mit abstrakten Elementen: Die nächste Stufe führt zu einem epistemologischen Bruch, weil es (wie Umberto ECO in seiner Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus von LEVY-STRAUSS am Beispiel der Seriellen Musik aufgezeigt hat) nicht mehr um die Entdeckung von Gegebenem, sondern um die Erfindung von Neuem geht. Die die Erzeugung von Neuem einschränkende Determination durch das Flüssige ist nämlich gänzlich aufhebbar, wenn man durch Loslösung von Inhaltlichkeit (dem Flüssigen) abstrakte Elemente konstruiert bzw. mit Computern generiert bis hin zu virtuellen Teilchen. Diese abstrakten Elemente sind nicht mehr Repräsentationen oder Abbildungen von gegebener Inhaltlichkeit, sondern bedeuten nur noch sich selbst und sind aufgrund ihrer Immaterialität Material ohne Widerstand, das sich beliebig dehnen, stauchen, mischen oder einfärben lässt. Mit den frei verfügbaren Elementen lassen sich so syntaktische Systeme bilden, die >Ein-bildungen< (Vilem FLUSSER) erforderlich machen, wenn man sie für sich nutzen will. Adäquate Mittel dafür sind abstrakte komplementäre Kategorien wie Teil/Ganzes, Ordnung/Chaos, Selbstentwicklung/Entwickelt, die sich sowohl analytisch wie konstruktiv für die Bildung von Systemen nutzen lassen. (5) Semantische Systembildungen bis hin zum Design utopischer Virtueller Realitäten: Solche syntaktischen Systeme kann man (re-)animieren, indem man sie be-deutet. Entwickeln lassen sich so – vor allem computergestützt - virtuelle  Realitäten bis hin zur Dimension des Unmöglichen. (6) Pragmatische Systembildungen in Form >Konkreter Utopien<: Die bis jetzt entwickelte Sequenz Gestalt – Form – Struktur - Syntaktische Systembildung – Semantische Systembildung lässt sich in einem letzten Schritt als Mittel für >pragmatische Systembildungen< bis hin zum Entwurf >Konkreter Utopien< (Ernst BLOCH) nutzen, in denen – vor allem in Form computergestützter Entwicklung von Szenarien - Wirklichkeit und Möglichkeit in ein spannungsvolles Miteinander gebracht werden.

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Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des INSYDE-Ansatzes ist ein weiteres Paradigmatisches Beispiel, nämlich das ebenfalls auf dem sechsstufigen heuristischen Modell für die Konstruktion von Wissen über Wissen aufbauende Epistemologische Experiment >Biomasse Hefeteig – Umgang mit einem eigenwilligen System im Kräftefeld von Symbiose und Separation< . Dieses wird hauptsächlich von Juidth WALGENBACH entwicklet und verantwortet.

 

[1] [2] [3] [4] [5]  In Epistemologischen Experimenten werden den Teilnehmenden heuristische Mittel angeboten, mit denen sie zugleich ihren je eigenen und gemeinsame Wege gehen können. Im Falle des Hefeteigs verläuft dieser von außen in das Innere, zu den Hefe-Zellen und ihren grundlegenden Elementen. Durch die schrittweise Auflösung des Hefeteigs und der Hefezelle in ihre Bestandteile erreichen die Forschenden dann den Punkt, wo sie zu den Enzymen vorstoßen und damit zu einem Point of no Return, den Tod der Zelle.

Zu Anfang ist die Beziehung zum Hefeteig noch stark symbiotisch, wenn man z. B. Brot backen will und dafür sorgt, dass der Teig sich wohl fühlt aufgrund der richtigen Feuchtigkeit und Wärme. Aber schon mit der Funktionalisierung des Hefeteigs als Material für das Backen von Broten kommt Separation ins Spiel, indem man die Systembildungsprozesse auf seinen eigenen Nutzen und seine eigenen Bedürfnisse ausrichtet. Bei einer atomistischen Strategie, die immer mehr in den Hefeteig bzw. die Hefezelle eindringt, wird Distanz und Trennung immer dominanter. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung, in der Symbiose immer mehr in den Hintergrund tritt und schließlich bedeutungslos wird, können dann Überlegungen ausgelöst werden, wie man ein produktiveres Verhältnis zwischen >Symbiose< und >Separation< organisieren kann, indem man etwa alternative sanfte  Technologien ins Spiel bringt. Auf diese Weise kann es in einem letzten Schritt zum Design Konkreter Utopien kommen, in denen ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Mensch und Natur entworfen wird. 


 

 

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Fotomontage | Aus der Serie Miniaturen:
"Biomasse Hefeteig" | 50 x 60 cm